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Es ist Freitag der 13. - September 2013

Morgens halb vier startet der Zubringerbus zum Flughafen - eine Stunde Fahrt liegt vor mir.

Um 6.45 Uhr wird mein Flieger nach London ablegen, wo ich R. besuchen will, der dort im Krankenhaus liegt.

Vier Tage zuvor bekam ich die Nachricht über meinen Sohn übermittelt, dass R. einen Herzinfarkt erlitten habe, aber er würde leben. Zwei Tage später saß ich an seinem Krankenbett. Ihm ging es den Umständen entsprechend, aber es schien aufwärts zu gehen. Er machte schon wieder Witze. EinenTag später rief er mich nachmittgas an und war völlig verzweifelt und wollte nur noch nach Hause. So kannte ich meine Lebensgefährten gar nicht.

Fünf Minuten nach Abfahrt des Busses meldet sich in die Stille mein Handy. Das Krankenhaus ist am Apparat und bittet mich eindringlich, ganz schnell zu kommen, weil es R. sehr sehr schlecht gehen würde. Den 'Rest der Fahrt heule ich nur noch leise vor mich hin. Ich weiß, was es bedeutet, wenn ein Krankenhaus mitten in der Nacht einen bittet zu kommen. Trotzdem habe ich noch ein kleines Fünkchen Hoffnung. Die Zeit bis zum Abflug scheint ewig zu dauern. Ich klingele morgens um fünf meinen besten Freund aus dem Schlaf, damit ich jemanden zum reden habe. In London flitze ich zum Zug, muss zweimal umsteigen, renne die Rolltreppen auf und ab, nur um schnell zum Krankenhaus zu kommen. Um neun bin ich endlich da. Als ich die Station betrete, schwant mir Furchtbares. Die Tür zu seinem Zimmer ist geschlossen, davor steht eine große Tafel mit den Worten (übersetzt) : "Bitte vor Betreten des Zimmers beim Personal melden." Das mache ich und werde in einen anderen Raum gebeten. Dort bringt man mir schonend bei, dass R. tot ist. Dann darf ich zu ihm. Ich bin allein mit ihm. Ersieht nicht tot aus. Er erinnert mich an unsere Campingurlaube, wenn er sich nicht rasiert hatte und morgens total zerstrubbelt neben mir im Schlafsack lag. Ich habe plötzlich das Gefühl, ich müsste reden. Seine Hand liegt in meinen Händen und so erzähle ich ihm alles, wovon ich denke, das müsste er noch wissen. Und ich singe ihm ein Lied vor, dass uns durch ein gemeinsames Chorprojekt verband. Seine kalte Hand ist durch meine Hände etwas wärmer geworden. Ich streichele ihn, umarme ihn, ich heule. Ich sitze über eine Stunde bei ihm und verbringe dann noch weitere Zeit mit dem Arzt und einer Dolmetscherin bei ihm. Danach geht es an's Organisatorische . In der Krankenhausverwaltung dauert es ewig bis ich die Unterlagen des Arztes in den Händen halte, die ich brauche, um auf dem Amt R's tod zu melden und die Sterbeurkunde zu erhalten. Dann bin ich noch mal bei R. und nehme ausgiebig Abschied. Man hat ihn inzwischen gewaschen, rasiert, gekämmt und ihm die Brille aufgesetzt. (Um Letzteres hate ich gebeten, weil R. ohne Brille nicht R. war.) Jetzt sieht er aus, als wäre er nur beim Fernsehen eingeschalfen. Wieviel würde ich jetzt darum geben, sein Schnarchen, dass mich immer halbwahnsinnig machte, zu hören. aber er bleibt still. Ich reiße mich irgendwann los und mache mich auf den Weg zum Amt. Es ist Rush Hour und mir sitzt die Zeit im Nacken, da ich bis 16 Uhr wieder in der Krankenhausverwaltung sein muss, um dort noch etwas abgeben zu können. Der Taxifahrer, der aussieht wie ein Gorilla in Klamotten, versucht alles, fährt ewig kreuz und quer durch London und schafft es schließlich doch, mich fast pünktlich wieder abzuliefern. Später im Zug zum Flughafen habe ich auch endlich Muse, mir die Sterbeurkunde anzusehen und stelle fest dass, R. schon eine Dreiviertelstunde, nachdem das Krankenhaus mich angerufen hatte, gestorben war. Auf dem Flughafen rufe ich H. - R's Studienkumpel - an und erzähle ihm, dass sein Freund es nicht geschafft hat. Wir telefonieren lange miteinander. In der Abfertigung und im Flugzeug bin ich einem Zusammenbruch nahe. Ich komme mir vor wie Falschgeld. Rund um mich herum sind gut aufgelegte Menschen, viele von denen, die jetzt zurück nach Deutschland fliegen, waren heute Morgen schon mit im Flieger. Sie haben Einkaufstüten und lachen viel und ich sitze dazwischen wie ein Häufchen Unglück.

Daheim erwartet mich einer meiner schon erwachsenen Söhne und nimmt mich erstmal tröstend in die Arme - dann bin ich allein mit mir. Obwohl ich seit nunmehr weit über vierzig Stunden nicht geschlafen habe, bin ich nicht müde. Tief in der Nacht schlafe ich dann doch ein und bin nach fünf Stunden schon wieder wach. Halb neun klingelt mein Telefon und ich habe die furchtbare Aufgabe, R's Exfreundin (das ist 30 Jahre her!), mit der ich gut befreundet bin und die ihn immer noch liebt, seinen Tod beizubringen. Sie bricht förmlich zusammen und ruft später nochmal an, als sie wieder reden kann. Eine Stunde später rufe ich seinen engsten Freund aus Kindertagen an und mache ihm die traurige Mitteilung. Danach fahre ich zu R's Schule. Dort steht sein Auto, dass er vor einer Woche dort abgestellt hatte, weil er mit seinem Leistungskurs auf Klassenfahrt nach London ging. Damit fahre ich zu seiner Wohnung, besser gesagt seinem Haus, dass er erst seit August angemietet hatte und zwei Wochen vor seinem Ableben eingezogen war.

Ich möchte dort von einer geplanten Zukunft Abschied nehmen. Zusammen hatte wir im August das Haus renoviert. Es hatte Spaß gemacht, mit ihm gemeinsam zu tapezieren und zu werkeln. Zusammen hatten wir den Umzug gestemmt. Er hatte sich so auf das Haus gefreut. Nette Vermieter, eine schöne Terrasse, Fußbodenheizung und Extrakachelofen - endlich im winter eine warme Wohnung. Hier auf dem Dorf wollte er sich gesünder ernähren - überall gab es die Verkäufe direkt vom Erzeuger. Er wollte viel Rad fahren. Und ich hatte ein Zimmer im Keller.  Die gemeinsame Arbeit hatte unserer langjährigen Beziehung einen neuen Schub gegeben. In den Pausen saßen wir in diesem schönen Sommer auf der Terrasse zum Relaxen.

Aus der Traum.

Ich habe seitdem viel nachgedacht. Oft denke ich, dass sein Unterbewusstsein geahnt hat, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt. Die letzten 1,5 Jahre waren wie so eine Art Retrotour. Wir sind an Orte gereist, wo wir ganz am Anfang unserer Beziehung gewesen sind. In unserem letzten Urlaub im Juli zeigte er mir endlich den Ort in England,  wo er studiert hatte und in dem er auch seit Jahrzenten nicht gewesen war. Der Urlaub war - da nur zweiwöchig wegen des Umzugs - unglaublich harmonisch verlaufen. Wir hatten für England ungwöhnlich schönes Wetter - keinen einizgen Regentag, mal abgesehen von einem kräftigen Gewittersturm, nach dem es sofort wieder schön war. Es war auch sehr warm insgesamt. Einen der Campingplätze war schon von uns auserkoren, später wieder aufgesucht zu werden, da dort dieser Friede herrschte, in dem man entspannen kann. Wir waren nochmal in Canterbury - eine Stadt, die durch die Kathedrale und ihr Flair uns jedesmal beindruckte. Den Urlaub beendeten wir -  wie immer unsere Englandurlaube - mit Fish and Chips aus unserer Stammimbissbude in Sandwich.

Es war ein letzter schöner Sommer - durch den schönen Urlaub und durch den Umzug mit all den Plänen, die in dieser Zeit neu entstanden waren.

 

 

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